25. Jahre Luftwaffenmuseum in Berlin-Gatow

                          
                    1995 Marseille-Kaserne, Appen


               2020 General-Steinhoff-Kaserne, Berlin 
                    

1995 – 2020 Appen / Berlin

Die Geschichte des Luftwaffenmuseums

Im Sommer 1957 betraten die ersten Besucher das neugegründete „Traditionsmuseum der Luftwaffe“ auf dem Fliegerhorst Uetersen: es bestand aus mehren kleinen Räumen mit einigen Vitrinen, in denen Orden und Uniformen gezeigt wurden. Aus dieser Ausstellung ist das „Luftwaffenmuseum der Bundeswehr“ hervorgegangen. Heute besitzt es über 200 Luftfahrzeuge, mehrere tausend Uniformen, Auszeichnungen  sowie, der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, eine umfangreiche Bibliothek mit Schriftgut und Bildersammlung. Bisher ist nur ein kleiner Teil der Exponate ausgestellt, in einigen Jahren sollen sechs Hallen dem Publikum zugänglich sein.

Der folgende Abriß über die teilweise abenteuerliche Geschichte dieser Sammlung soll zeigen, daß der heutige Zustand des Museums keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist, sondern nur durch Fleiß und Ausdauer von Idealisten entstehen konnte.

Anfänge der Sammlung

Der Museumsgründer, Regierungsamtmann Helmut Jaeckel, wurde 1906 in der westpreußischen Garnisonsstadt Marienwerder geboren. Wie viele Schulkameraden sammelte er Militaria und träumte von einer Laufbahn als Berufssoldat. Zuerst diente er im Ausbildungsbataillon Allenstein  bei Königsberg. In seiner Freizeit baute er eine umfangreiche militärhistorische Sammlung auf.

Einige Zeit später wurde er nach Lötzen/Ostpreußen versetzt. In der nahe gelegenen Festung Boyen befand sich eine „Vaterländische Gedenkhalle“ die Erinnerungsstücke an den Ersten Weltkrieg aufbewahrte und propagandistisch aufbereitete. Jaeckel übernahm die Betreuung der Kriegsgeschichtlichen Abteilung der Ruhmeshalle. Nach Krieg und Gefangenschaft trat Jaeckel 1956 in den Dienst der Bundeswehr und wurde Leiter der Truppenverwaltung des Fliegerhorstes Uetersen.

Die Gründung der Sammlung

Vom ersten Tag an begann Jaeckel erneute Militaria zu sammeln, die bereits im Juni 1957 im „Traditionsmuseum der Luftwaffe“ in Uetersen regelmäßig zu besichtigen waren. Die feierliche Eröffnung erfolgte im Oktober 1957. Die Sammlung wurde in „Luftwaffenmuseum“ umbenannt. Sie stellt sich das Ziele: „Werbung für die Luftfahrt; Sammlung sämtlicher Luftwaffen – Militaria; die geschichtliche Entwicklung der Luftfahrt und der Luftwaffe der Öffentlichkeit zugänglich machen“. Diese Pläne ließen sich damals nur mit Sachspenden verwirklichen. Hierfür war der Fliegerhorst Uetersen wohl besser als jede andere Garnison in der jungen Luftwaffe der Bundeswehr geeignet, absolvierten doch alle Piloten mit Vordienstzeit in der Wehrmacht, hier einen Einweisungslehrgang.

Als Leiter der  Truppenwaltung erstattete der damalig Oberinspektor Jaeckel ihnen unter anderem ihre Reisekosten. Er fand so Kontakte zu den Soldaten. Bald sprach es sich herum, daß Uniformteile, Orden, Photografien oder ähnliches benötigt wurden. Das erste Stück, das in die Sammlung gelangte, soll eine  Socke aus Wehrmachtbestände gewesen sein. Selbstverständlich trug der enge Kontakt mit Veteranen, die die ausgestellten Stücke benutzt hatten, auch zur historischen Präzision in allen Details bei.

Im Laufe der Zeit wurde das Museum über den Standort hinaus bekannt, wodurch sich der Kreis der Spender vergrößerte. Daher bestand es zunächst zu einem Teil aus Erinnerungsstücken, die ihm so eine persönliche Note verliehen. Wie die Bestände aufgebaut wurden, verdeutlich der Satz, mit dem sein Gründer Führungen zu beenden pflegte: „ich sammle alles, meine Kameraden, „von K bis K“ – von Knopf bis Kanone. Bringen Sie mir einen alten Knopf, so kann es der sein, den ich noch für meinen 5. Husarenrock brauche, und den ich dann vielleicht für einen Tambourstock tauschen kann“.

Helfer des Museums

Das Luftwaffenmuseum entstand in der zweiten Hälfte der 50er Jahre, als die noch junge Bundeswehr in vielem improvisieren musste, in einer Zeit die mehr vom Wirtschaftswachstum und Zukunftseuphorie als vom historischen Bewußtsein geprägt war. Dennoch wurde die Ausstellungstätigkeit des Verwaltuhngsbeamten Jaeckel von staatlicher Seite gefördert. Wenn es sich auch offiziell um eine Privatinitiative handelte, unterstützten die Uetersen Bundeswehrdienststellen das Museum nach Kräften – sei es, dass Räume, Strom und Wasser kostenlos bereitgestellt wurde oder daß Soldaten des Fluganwärterregiments die Wartung der Exponate oder einige Führungen übernahmen. Auch die Gemeinde Appen, sowie Mitglieder des diplomatischen Corps waren bei manchen Erwerbungen behilflich. Mehrere Beschäftigte des Fliegerhorstes schlossen sich Herrn Jackel an und stellten ihm gleich auch einen Großteil ihrer Freizeit für diese Sammlung zur Verfügung.

1963 wurde das „Kuratorium Luftwaffenmuseum Uetersen e.V.“ gegründet. Den Vorsitz übernahm der Kommandeur des Fliegeranwärterregiments, der dieses Gremium angeregt hatte.

Die ersten Besucher

In den Anfangsjahren des Museums betrachtete man es als vorrangige Aufgabe, die künftigen Piloten der Luftwaffe, die in Uetersen ihre Flugausbildung absolvierten, mit der Geschichte ihrer Teilstreitkraft vertraut zu machen. Solange das Museum also am Schulungsort verblieb, stellten die Lehrgangsteilnehmer die Masse der Besucher. Als wichtigste Nachwuchsschmiede empfing das Fluganwärterregiment zahlreiche ausländische Delegationen. In ihre Rundgänge wurde die Sammlung stets einbezogen. Schon 1958 begrüßte man Luftwaffenattáches aus acht NATO-Staaten, die sich gemäß der Presse „lebhaft für das kleine Fliegerhorstmuseum“ interessierten. 1964 überbrachte der Inspekteur der Luftwaffe einige deutsche Abzeichen, die amerikanische Truppen im Krieg erbeutet hatten und jetzt zurückgaben.

Diese Geste stärkte der Ausstellung den Rücken. Im selben Jahr schenkte die US-Luftwaffe als Zeichen der Verständigung dem Museum eine Sammlung ihrer Auszeichnungen. Obwohl sich das Museum innerhalb der Kasernenanlage befand empfing die alte Basketballhalle zeitweise 20.000 Besucher im Jahr, darunter viele Schulklassen und Vereine der Umgebung.

Weiteres Wachstum

1967 trat Jaeckel in den Ruhestand, im Mai 1968 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Im Februar 1970 verstarb er.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger hatte der 1917 geborene Oberfeldarzt Dr. Dietrich Boekker selbst in der Luftwaffe gedient. Nach dem Abitur wurde er zum Kampfbeobachter ausgebildet. Gegen Kriegsende wurde er, inzwischen Leutnant und mehrfach verwundet, wie der Großteil des fliegenden Personals als Infanterist eingesetzt.

Nach kurzer Kriegsgefangenschaft studierte er Zahnheilkunde und praktizierte in Berlin. Er trat in den Dienst der Bundeswehr und wurde zur Sanitätsstaffel Uetersen versetzt.

1958 begann er beim Luftwaffenmuseum mitzuarbeiten, neun Jahre später übernahm er dessen Leitung. Unter seiner Regie wurden größere Gebäude bezogen. Als Sammlungsleiter hielt er Ausschau nach interessanten Exponaten, in seiner Freizeit und während seines Urlaubs katalogisierte er Neuzugänge und veranstaltete Führungen – natürlich alles neben seiner Tätigkeit als Sanitätsoffizier. Seine Gattin unterstützte ihn und die Sammlung stets aufopfernd, sie war über fast vier Jahrzehnte die gute Seele des Museums. 1973 wurde Dr. Boecker – nun Oberstarzt – für einige Jahre an das Bundeswehrkrankenhaus Koblenz versetzt. Auch von dort aus betreute er das Museum.

Nach kurzer erneuter Tätigkeit in Uetersen trat er 1977 in den Ruhestand. 1982 wurde ihm für die Museumsarbeit das Bundesverdienstkreuz verliehen. Am Festakt der Übernahme des Museums durch die Bundeswehr 1987 konnte er aus Gesundheitsgründen nicht teilnehmen. Er verstarb am 30. Oktober 1990.

Erweiterung des Sammelgebietes

Zur Zeit von Helmut Jaeckel war das Luftwaffenmuseum eher heereskundlich ausgerichtet, es enthielt also vor allem Uniformen, Orden und ähnliche Sachzeugen. Dr. Boecker ergänzte es um die Komponente der Wehrtechnik. Obwohl die Sammlung damals noch eine private Einrichtung war, stellte die Luftwaffe ihr Exemplare ausgemusterter Flugzeugtypen zur Verfügung.

In späterer Zeit kamen auch einige NATO Muster hinzu, so überließ die Royal Air Force 1992 dem Museum einen Senkrechtstarter „Harrier“ GR 1. Wesentlich schwieriger war der Erwerb deutscher Luftfahrzeuge des Zweiten Weltkrieges. Alle auf Fliegerhorsten vorhandenen Exemplare wurden im Rahmen der Demilitarisierung von den Alliierten zerstört wurden. Maschinen, die in Seen oder Sumpfgebieten abstürzten, können – wenn überhaupt – meist nur mit großem Kostenaufwand geborgen und restauriert werden. Wehrmachtsflugzeuge, die in den Besitz der damaligen Kriegsgegner gelangten, gelten als Beutestücke und werden dementsprechend nur ungern zurückgegeben. Eine rühmliche Ausnahme bildet die Royal Air Force, von der das Museum vor einigen Jahren eine Me 163 B erhielt.

Die ersten Exemplare deutscher Weltkriegsflugzeuge, die das Museum erhielt, waren nach 1943 in Spanien hergestellte Lizenzbauten. Im Urlaub entdeckte Dr. Boecker dort mehrere außer Dienst gestellte CASA H.A. , 112 M (Bf 109G-2), Lizenzbauten des Standardjägers der Luftwaffe. Nach langen Verhandlungen landete im Juli 1968 eine Maschine dieses Typs im Museum. Bei der Übergabe kündigte der spanische Militärattáche an, daß sein Land bald auch einen Lizenzbau des Bombers He 111 H-6 zur Verfügung stellen werde. Im Frühjahr 1969 gelangte ein Exemplar dieses Typs auf dem Seeweg nach Uetersen.

Die Umstände, durch die das Museum in den Besitz einer V2 (=A4) kam, sind so kurios, daß sogar die Boulevardpresse davon Notiz nahm.

Diese Raketen galten als „Wunderwaffe“, sie wurden unter unmenschlichen Bedingungen produziert und mit geringerem Erfolg als erwartet, auf London und Antwerpen abgeschossen. Nach dem Krieg bildeten sie die Grundlage der zivilen Weltraumfahrt. Ein Exemplar wurde von einem Londoner Museum an einen Privatsammler abgegeben, der es in seinen Garten stellte. Damit zog er den Zorn seiner Nachbarn auf sich – immerhin hatte die V2 sie wenige Jahrzehnte zuvor bedroht. Dieser Zwist wurde auch in Deutschland bekannt. Dr. Boecker hörte davon und überzeugte den Besitzer, ihm die Rakete zu überlassen – als Gegenleistung vermittelte er ihm alte Marine-Militaria.

Eine Hamburger Modellbaugruppe versuchte den Mangel an Luftfahrzeugen des Zweiten Weltkrieges dadurch zu lindern, daß sie dem Museum 60 Modelle deutscher Militärflugzeuge dieser Zeit überließ. Heute gehört auch eine Ju-52 zum Bestand des Museums. In den achtziger Jahren wurde dieses Flugzeug aus dem Hartvigvansee  Norwegen mit Unterstützung durch Herrn Günther Leonhardt, Hannover, geborgen.

Im Winter 1940 war sie mit weiteren Transportern zur Versorgung der eingeschlossenen deutschen Truppen bei Narvik auf dem Eis des Sees gelandet. Da ein Start nicht mehr möglich war, blieben die Maschinen stehen. Im darauffolgenden Frühjahr versanken sie im See. Nach vierzig Jahren geborgen restaurierte sie die Interessengemeinschaft „Ju- 52“. Als Dank für die geleistete Arbeit steht sie seit 1988 als Leihgabe in der Ausstellung in Wunstorf. Im Zuge des Museumsausbaus wird sie ihren endgültigen Platz in Gatow finden. Heute zieht die Vielzahl von Luftfahrzeugen wohl die meisten Besucher an:

Man muss aber betonen, daß es sich nicht um ein auf Technik beschränktes „Flugzeugmuseum“ handelt, vielmehr ist die Entwicklung der gesamten Teilstreitkraft Luftwaffe, von der Uniform bis zum Orden, Thema der Sammlung.

Ausbau und neue Gäste

Im Olympiajahr 1972 wurden in Uetersen mehrere Hallen frei, deren Nutzung das Museum sogleich beantragte – die alte Sporthalle war ja längst zu klein geworden. Von der Schließung der alten bis zur Fertigstellung der neuen Ausstellung blieb weniger als ein halbes Jahr Zeit. 1973, nach dem Umzug besuchten 50.000 Menschen das Museum , in den folgenden Jahren waren es durchschnittlich 40.000, also doppelt so viele wie vor dem Ausbau.

Zu vielen Militärmuseen des Auslandes baute Dr. Boecker Beziehungen auf, vor allem die sehr junge Sammlung des Royal Air Force Museums in Hendon, die nach Uetersener Vorbild entstand, wurde unterstützt.


Die Übernahme der Bundeswehr

Mit der Zeit nahm das Luftwaffenmuseum einen solchen Umfang an, daß es kaum mehr von Vereinsmitgliedern in ihrer Freizeit ordnungsgemäß geführt werden konnte. So war das Kuratorium Luftwaffenmuseum bestrebt, seine Sammlungen zur Sicherung ihrer Existenz der Bundeswehr zu übergeben, die ja schon die Kosten für Unterhalt und Heizung der Ausstellungsräume trug. Obendrein waren die meisten Exponate Leihgaben des Bundes.

Das Verteidigungsministerium plante damals, die Sammlungen zu übernehmen und langfristig ebenfalls auf dem Fliegerhorst Neubiberg unterzubringen. Man diskutierte schon über die Anzahl der Planstellen. Das Fluganwärterregiment stellte dem Museum Personal zur Sicherung längerer Öffnungszeiten während der Olympiade zur Verfügung. Diesem erschien es schon als Vorhut künftiger Mitarbeiter. So hoffte man, einige von ihnen auch während der Übernahmephase behalten zu dürfen, damit die Ausstellung trotz vorgeschriebener Inventarisierung und Umzugsvorbereitungen geöffnet bleiben könne. Währenddessen liefen die Verhandlungen weiter: Die Hardthöhe wollte die Sammlung organisatorisch dem Wehrgeschichtlichen Museum Rastatt angliedern, die Bestände aus Platzgründen aber nicht dorthin verlegen. Bei einem Gespräch zwischen Dr. Boecker und Vertretern des Verteidigungsministeriums im Januar 1973 ging es nur noch um Details der Übergabe. Wenige Tage später bot das Kuratorium seine Sammlung offiziell Verteidigungsminister Leber als Geschenk an. Bald darauf kam der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Rall, selbst nach Appen, er war vom Museum begeistert und wollte den Minister bitten, es für die Bundeswehr zu erwerben. Dieser beschied jedoch, vor einer Übernahme müßten erst Personal und Finanzaufwand sowie der künftige Standort geprüft werden. Umstritten war besonders eine Klausel des Schenkungsangebots: Das Kuratorium verpflichtete die Bundeswehr, das Konzept des Museums beizubehalten, worauf diese sich auf keinen Fall einlassen wollte.

1974 schlug die zuständige Ministerialabteilung die Übernahme vor. Inzwischen hatte man auch Kontakte zum Land Schleswig-Holstein betreffs einer Mitträgerschaft aufgenommen. Im Oktober 1974 ließ die endgültige Antwort aus Bonn alle Träume platzen: Ablehnung ohne Angabe von Gründen. Nun versuchte man, einen anderen Träger für die Sammlung zu finden, doch zeigten plötzlich weder Schleswig-Holstein noch das Deutsche Museum in München Interesse. Landkreis und Anliegergemeinden hätten sie gerne betreut, doch fehlten ihnen die Mittel. In den folgenden Jahren erreichten abwechselnd katastrophale und ermutigende Nachrichten aus Bonn das Luftwaffenmuseum. Sie zeigten, daß im Ministerium keineswegs Einmütigkeit Über die Zukunft dieser Sammlung herrschte. Im Jahr 1977 appellierte Dr. Boecker an Bundespräsident Scheel, einen Kameraden aus dem Krieg, sich für die Sammlung einzusetzen. Dieser erfuhr von Verteidigungsminister Leber, daß die Bundeswehr grundsätzlich interessiert sei, aber noch nach Finanzierungsmöglichkeiten suche. Wenig später bat der Museumsleiter um ein Treffen mit dem Verteidigungsminister: Gespräche seien erst sinnvoll, wenn grundsätzliche Beschlüsse zur Organisation der Militärmuseen gefaßt seien, er solle im nächsten Jahr erneut vorstellig werden. Zum zwanzigsten Jubiläum lud Dr. Boecker mehrere ranghohe Mitglieder des Verteidigungsministeriums ein und erhielt beinahe durchgehend Absagen. Trotz seiner Ablehnung verhandelte das Verteidigungsministerium weiter über eine gemeinsame Trägerschaft von Bund und Land Schleswig-Holstein. 1978 genehmigte der Rechnungshof, die Hallen weiterhin unentgeltlich zu nutzen, da er eine Übernahme „zu gegebener Zeit“ erwartete.

Bald darauf aber beklagte Dr. Boecker, daß das politische Klima für seine Arbeit immer ungünstiger werde, er bezweifelte, ob sein Einsatz Überhaupt sinnvoll war, und schrieb, gelegentlich hielte er es für das Beste, alles für spätere Generationen in Kisten zu verpacken. Doch hoffte er auch, ein Besuch des Bundespräsidenten könne einen Umschwung bewirken.

Die Übernahme gelingt

Noch vor dem Regierungswechsel von 1982 änderte sich die offizielle Haltung. Im Oktober 1981 erhielt das Museum mehrere Dienstposten für Grundwehrdienstleistende – allerdings waren diese Soldaten häufig wegen Wachdienst abwesend. Am 23. November, entschied der parlamentarische Staatssekretär Penner, daß die Bundeswehr die Sammlung übernehmen solle, im folgenden März erneuerte das Kuratorium sein Schenkungsangebot diesmal nur unter der Auflage, das Museum müsse ungeteilt und allgemein zugänglich bleiben. Im Oktober 1982 wurde Peter-Kurt Würzbach, der entscheidend an der Übernahme mitwirken sollte, parlamentarischer Staatssekretär. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt besuchte er zusammen mit anderen Repräsentanten des Verteidigungsministeriums die 25-Jahr-Feier des Museums. Er betonte, daß sein Haus prinzipiell an der Sammlung interessiert sei, verschiedene Hindernisse hätten aber eine Übernahme zu diesem Jubiläum unmöglich gemacht. Nun begann man in Appen, die Bestände nach den Richtlinien des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes zu inventarisieren, dabei erstellte man gleich Duplikate für die Zentralkartei des Wehrgeschichtlichen Museums in Rastatt. Im Sommer 1983 forderte Verteidigungsminister Dr. Wörner von den zuständigen Sachbearbeitern Informationen über die Sammlung an; man empfahl, das Museum zu übernehmen, da nur so seine Existenz gesichert werden könne; es sollte in Appen belassen werden, weil sich die Pläne für ein Zentralmuseum der Bundeswehr als unfinanzierbar erwiesen hatten. Außerdem wurde angenommen, die Personalkosten könnten durch Straffungen an anderen Stellen aufgefangen werden, die gerade erfolgte Renovierung der Räume schlossen neue Baumaßnahmen in naher Zukunft aus. Einige Wochen später besichtigte der Minister selbst das Museum, beeindruckt versprach er Dr. Boecker persönlich den Trägerwechsel voranzutreiben. Im Sommer 1984 war die Inventarisierung zur Zufriedenheit des Wehrgeschichtlichen Museums abgeschlossen, die Hauptbedingung für die Übernahme also erfüllt. Eine Entscheidung blieb aus. Enttäuscht wandte sich Dr. Boecker an Minister Wörner und erinnerte ihn an sein Wort.

Im Sommer ergaben Nachfragen des Bürgermeisters von Appen, daß das Verteidigungsministerium auf die Genehmigung des Finanzministeriums warte, dieses aber ohne weitere Angaben von der Hardthöhe nicht entscheiden zu können vermeinte. Ohne dies, hieß es, dürfte die Haushaltslage eine Übernahme kaum ermöglichen. Da also die Entscheidung des Bundes auf sich warten ließ, knüpfte das Kuratorium Kontakte zur Bayerischen Staatsregierung, die großes Interesse hatte, die Sammlung am ehemaligen Flugplatz Oberschleißheim bei München auszustellen.

Im Januar 1986 bat dann die Staatskanzlei das  Verteidigungsministerium um Stellungnahme zu ihren Absichten. Die Gemeinde Appen hatte von der Konkurrenz erfahren und wandte sich an Ministerpräsident Barschel, um diese Fremdenverkehrsattraktion dem Land Schleswig-Holstein zu erhalten. Vier Wochen später gab das Bundesfinanzministerium bekannt, daß der Rechnungshof der Übernahme zugestimmt habe. Im Sommer 1987 wurde der Schenkungsvertrag unterschrieben.

Am 4. September 1987 fand in Anwesenheit von Altbundespräsident Scheel und dem kommandierenden General der Luftflotte Generalleutnant Kuebart die feierliche Übergabe statt. Gleichzeitig wurde das 30-jährige Jubiläum des Museums begangen.

Das Kuratorium, bisher Eigentümer des Museums, wandelte sich nun in einen Förderverein um, der weiterhin besteht und Mitglieder und Sponsoren sucht.

Das Luftwaffenmuseum, als Teileinheit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg (heute in Potsdam) angegliedert, wurde am 1. April 1998 eine selbständige Dienststelle.

Die Bundeswehr bestellte Oberstleutnant Dr. Dieter Rogge zum neuen Leiter des Museums. Er wurde 1940 geboren und trat 1962 in die Luftwaffe ein. Nach dem Studium diente er in einem Flugabwehrraketenverband, dann wurde er Jugendoffizier, später Dozent an der Offizierschule der Luftwaffe und an der Führungsakademie der Bundeswehr, 1979 promovierte er in Politologie. Er leitete die Übernahme von umfangreichen Beständen der Nationalen Volksarmee, der Umzug nach Berlin wurde von ihm angeregt und organisiert. In der ersten Zeit nach der Übergabe standen Dr. Rogge nur vier Mitarbeiter zur Seite, die lediglich einen Notbetrieb ermöglichten; Infrastrukturmaßnahmen waren bis 1992 überhaupt nicht vorgesehen. Als Privatinitiative war die Sammlung bei der Instandhaltung der Flugzeuge und ähnlicher Großtechnik auf die Mithilfe technischer Einheiten angewiesen.

Neuzugänge aus der NVA

Mit der Wiedervereinigung erweiterte sich das Sammelgebiet schlagartig um die Bestände der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der Nationalen Volksarmee. Dadurch wuchs der Umfang des Museums, binnen kurzer Zeit um 70 Prozent. Schon im Frühsommer 1990, also noch vor der Wiedervereinigung, war eine Delegation des Luftwaffenmuseums Gast des Verteidigungsdivision in Cottbus ist in dieser stürmischen Zeit vergessen worden und gelangte 1991 vollständig in die Sammlung – dank einer fotografischen Dokumentation konnte man den Orginalzustand nachstellen.

Mit der Wiedervereinigung verloren die Uniformen und das gesamte Schrifttum der NVA ihre Aufgabe, auch die meisten Waffensysteme wurden außer Dienst gestellt. Die Bundeswehr übergab diese Gegenstände zur Verwertung oder Beseitigung verschiedenen Unternehmen vorher allerdings sollten sämtliche Objekte noch dem Luftwaffenmuseum angeboten werden. Das Verständnis der jeweiligen Dienststellen für die Sammelarbeit war recht verschieden: Manchmal baten Offiziere, die noch in der NVA gedient hatten, das Museum darum, Material ihrer Verbände zur Wahrung der Tradition zu sammeln. In anderen Fällen erfuhr Appen erst spät von der drohenden Verschrottung verschiedener Geräte und musste rasch bei entsprechenden Bundeswehrstellen oder gar der zivilen Verwertungsgesellschaft vorstellig werden, um diese als Exponate noch zu retten.

Ein weiteres Problem war der starke Truppenabbau – nur gut 10.000 NVA-Zeitsoldaten wurden in die Bundeswehr übernommen, so hatte man an den alten Standorten oft nur noch kurze Zeit mit Hilfe des Luftwaffenversorgungsregiments 2 aus Diepholz die Luftfahrzeuge durch Zerlegen und Sicherung einzelner Teile transportfähig zu machen. Für einige jüngere Waffensysteme wurden Soldaten, die noch mit ihnen gearbeitet hatten, herangezogen.

Der Umzug nach Gatow

Das BMVg ordnete am 23.09.1995 den Umzug des Museums nach Berlin-Gatow an.

Zeitweise waren 30 Mann am Umzug beteiligt. Die Menge des zu verlegenden Materials war enorm, hier sei nur darauf hingewiesen, daß das Museum damals 117 Luftfahrzeuge, ein Raketensystem, 2000 Uniformen, fast 400 Stahlhelme und 40 m3 kleinere Gegenstände besaß – ohne Großgeräte 800 Tonnen Material. Insgesamt kam man auf 553 Lkw – Fahrten und 8 Güterzüge, zeitweise verkehrten 10 bis 15 Straßentransporte pro Woche.

Viel Zeit ging durch das Be – und Entladen verloren. Auch gut zerlegbare Flugzeuge wurden auf Lastwagen transportiert. Maschinen, die für den Landweg zu groß waren, wurden von Hubschraubern als Außenlast transportiert. Die meisten der 58 Flüge erfolgten im Rahmen der Übung „Operation Gatow“ durch das Heeresfliegergeschwader 15 aus Rheine -Bentlage mit Transporthubschraubern CH 53, zeitweise unterstützt von amerikanischen Maschinen. Besondere Sorgfalt erforderte das Ausbalancieren der Lasten. Man darf nicht vergessen, daß ein Flugzeug, das bewegt wird, immer Auftrieb bekommt, um diesen Effekt möglichst auszuschalten, hing man die Maschinen nicht waagerecht, sondern schräg nach unten an den Hubschrauber. Soweit es ging, flog man über unbewohntes Gebiet, um im Notfall die Last abwerfen zu können, was glücklicherweise nie nötig wurde. Die Entfernung von Appen nach Gatow erforderte bei jedem Flug zwei Zwischenlandungen zum Auftanken. Als Generalprobe transportierte man im Sommer 1994 eine North American T6 Harvard Mk.IV zur Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) nach Berlin-Schönefeld. Von dort aus wurde sie dann nach Gatow überführt. Ursprünglich war geplant, bis zur Eröffnung auch die letzten Flugzeuge nach Gatow zu bringen, doch verzögerte sich das Unternehmen etwas.

Das Museum in Gatow

Schon vor Beginn der Transporte forderte das Verteidigungsministerium, das Luftwaffenmuseum solle im Herbst 1995 eine Ausstellung zum 40jährigen Jubiläum der Bundeswehr einrichten. Die Eröffnung am 23. September 1995 wurde mit dem ersten „Tag der Offenen Tür“ der 3. Luftwaffendivision verbunden, für die Unterhaltung der 40.000 Gäste sorgten Hubschrauberrundflüge, das Luftwaffenmusikkorps 4, eine Motorradstaffel der Polizei und historische Berliner Stadtbusse. Höhepunkte waren die Ankunft mehrerer Flugzeuge, die frisch aus Appen überführt wurden sowie die Landung des neuerworbenen Fieseler „Storch“.

Nach langer Unsicherheit hat das Luftwaffenmuseum jetzt seinen Platz in der Bundeswehr gefunden, der Standort liegt sehr günstig und ermöglicht eine weiträumige Ausstellung, die Vollendung der neuen Schauräume schreitet voran, wenn auch langsamer, als vor wenigen Jahren erhofft. Die Halle 3 wurde um einige Sonderausstellungen, wie die zur Geschichte des Flugplatzes Gatow, in den Nebenräumen ergänzt. Ein Meilenstein für den weiteren Ausbau war 1998 die Übergabe des Towers mit der Ausstellung Bekleidung und persönlicher Ausrüstung. Mit viel Idealismus ist aus dem Steckenpferd eines Verwaltungsbeamten, ein Museum von internationalem Rang entstanden. Die aufopferungsvolle Tätigkeit der Mitglieder des Fördervereins, der Mitarbeiter, sowie die Bereitschaft so vieler Soldaten und Hinterbliebener, liebgewordene Erinnerungsstücke der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen haben dazu beigetragen.

Nicht vergessen darf man auch den Mut des Verteidigungsministeriums, trotz vielerlei politischer und finanzieller Bedenken die Sammlung zu übernehmen und auszubauen.

                                                                                                           © Bonstedt-2015

Militärhistorisches Luftwaffenmuseum der Bundeswehr

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